//Söder läßt blicken

Söder läßt blicken

Im Redaktionsnetzwerk Deutschland Interview* ließ Markus Söder letzte Woche tief in seine politische Seele blicken. Wobei die Worte “Seele” und “tief” bitte hier nicht wörtlich zu sehen sind.

Das offensichtlich als fränkischer Palaver gestaltete Interview liefert vortreffliche Erkenntnisse über das Wesen dieser politischen Erscheinung und ist deshalb einen detallierten Blick wert.

Die Friseure

Der Absatz ist ein Knaller. Auf die (frappierend investigative) Frage, wieso er noch keinen Friseurtermin habe plappert er locker drauf los. Erst muss Folgendes raus: “Viele sagen, etwas länger sehe gar nicht so schlecht aus.” Boah, das ist ja mal eine Aussage, die kann ich jetzt nur so stehen lassen. Doch im nächsten Satz wird es dann doch politisch “Dass wir die Friseure zuerst öffnen, ist auch eine Frage von Hygiene und Selbstachtung”. Aha. Es geht also nicht um die am Ruin stehenden Unternehmer, deren Beschäftigte, oder den irren mit jedem Tag Lockdown höheren Kosten für die Steuerzahler. Mit dem US-präsidialen Satz “It´s the economy, stupid.” weiß man in Deutschland nichts mehr anzufangen. Es ist “eine Frage von Hygiene und Selbstachtung”. Ich weiß zwar nicht genau was hier gemeint ist, aber eine Erkenntnis ist sicher: Es ist reines Willkür-Regime. Mit welchem Chuzpe seine Durchlaucht davon spricht jetzt mal  “die Friseure zu öffnen”, da kann man sich gut vorstellen welche Macht- und Geltungsansprüche hier vorhanden sind.

Die Kalauer

Das Interview ist gespickt mit Kalauern. Phrasen, die in ihrer Realitätsumkehr und Widersprüchlichkeit jedem politischen Kabarett entnommen sein könnten. Erschreckend dabei ist allerdings: Diese Büttenrede hat weder beim interviewenden Journalisten und sicher auch nicht beim Mainstream-Konsumenten zu Lachkrämpfen geführt. Diese überzogenen, irrealen Aussagen sind bereits so geläufig, dass dieser politische Klamauk weder Gelächter noch Verblüffung hervorruft.

Ein paar Beispiele: “Bei sinkenden Werten muss man immer die Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen abwägen”, bei der Öffnung der Baumärkte “geht es um die grundsätzliche Philosophie”. Ulkig finde ich auch die fadenscheinige Ent-Personifizierung durch “man” und “wir” bis zum absurden “Der Bund hat Tschechien und Tirol zu Mutationsgebieten erklärt.”

Die Einstellung zu den Untertanen wird in der Aussage zur Impfung gut erkennbar:  “Wir haben zwar mehr Impfstoff, können diesen aber nur schwer verimpfen, weil es bei Astrazeneca eine grundlegende Zurückhaltung gibt. Wenn es so weitergeht, werden wir auf einem Berg von Astrazeneca-Impfdosen sitzenbleiben. Das kann niemand wollen bei einem Impfstoff, der gut schützt.” An den Untertanen lässt sich das Zeug also nicht wie gewünscht “verimpfen”, die Untertanen wollen sich einfach nicht impfen lassen. Und dann die Offenbarung “das kann niemand wollen”. “Niemand” kann wollen, dass die Impflinge nicht wollen. Oha, da schwingt wirklich erhebliches Herrschaftsdenken mit.

Heuchlerei und Dreistigkeit – nach monatelanger kopfloser, unvernünftiger “Zauder & Hammer” Politik – kommen im folgenden realitäts-umkehrenden Spruch zur Essenz: “Die Politik darf jetzt nicht die Nerven verlieren. Öffnen ja, aber klug und umsichtig.” Das sitzt. Der Vergleich mit der Merkel-Aussage “im Großen und Ganzen ist nichts schief gelaufen” liegt nahe. Man merkt: Söder kann Kanzler.

Die AfD

Erhellend sind auch die Aussagen von Markus Söder zum Kampf CDU/CSU, bzw. Söder-Seehofer gegen Merkel im Jahr 2018 [Anmerkung: Eskalation über Migrations-Politik]. Auf die Frage ob er sich verändert habe oder ob es zwei Söder gibt, plaudert er aus dem Nähkästchen drauf los und schießt wirklich den Vogel ab: “Es gab damals eine grundsätzliche Fehleinschätzung, was die AfD betrifft. Die AfD ist nicht bürgerlich oder konservativ, sondern eine rechtsextreme Partei.” Auf das Golumm-“Es” werde ich gar nicht eingehen. Die Aussage an sich muss man sich wirklich auf der Zunge zergehen lassen. Söders Begründung für die damalige harsche Kritik an Merkels Grenzöffnung, an der “Herrschaft des Unrechts” war die AfD! Nicht die verfassungswidrige Grenzöffnung oder die Refugee Welcome der Kanzlerin sind das Problem, sondern das er und Seehofer mit der AfD die selbe Ansicht vertreten haben. “Es” hat gar keine eigene politische Meinung, und es geht auch nicht um Recht oder Unrecht. Der parteipolitische Feind, Machtkalkül ist das Programm. Das allein treibt diesen politischen Heißluftballon an.

Das Resümee

Die programmatische Entleerung und Selbstaufgabe der CDU durch Angela Merkel hat etwa 10 Jahre gebraucht. Markus Söder wird der CSU in der Hälfte der Zeit die konservativ-christlichen Inhalte entfernt haben. Was mich am meisten verblüfft ist die Toleranz der Parteimitglieder dieser vormals konservativen “Rechtsstaats”-Parteien. Was tut man in einer Partei, wo der Vorsitzende von heute auf morgen das komplette Wertesystem kippt? Wo der einzige Widerstand gegen den Spurwechsel das Pflänzchen Werte-Union darstellt, einem kleinen, unbedeutenden Blümchen, das in den eigenen Reihen agressiv bekämpft und mit Diffamierungen wie “Krebsgeschwür” niedergemacht wird.


Das Interview in Gänze finden Sie hier:

https://www.rnd.de/politik/markus-soder-es-darf-keine-blinde-offnung-geben

 

2021-03-03T17:34:59+01:002 März, 2021|Kategorien: Politik Allgemein|Tags: , , |

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